Aufgaben der Medienbildung und deren Umsetzung im Schulalltag

In vorigen Beiträgen (insbesondere im Beitrag „Wissen – Nutzen – Gestalten – Hinterfragen„) bin ich bereits auf die Medienkompetenz der Lehrer und Schüler als notwendige Bedingung für den sinnvollen Einsatz mobiler Endgeräte im Schulunterricht eingegangen. Zudem habe ich den Vier-Dimensionen-Ansatz der Medienkompetenz nach Baacke (1997) vorgestellt. Was nun noch fehlt, ist die Vermittlung der Medienkompetenz an die Schüler, welche als neue wichtige Aufgabe, aber auch der Schulen gesehen werden kann. Folie3

Praxis-Konzept basierend auf einer anerkannten Theorie

Eine Lösung für diese Aufgabe stellt Gerhard Tulodziecki in seinem Aufsatz „Medienbildung in der Schule“ aus dem Jahr 2010 vor. Tulodziecki begreift Medienbildung als Prozess, innerhalb dessen Medienkompetenz vermittelt werden soll (2010, S. 45). Aus den vier Dimensionen der Medienkompetenz nach Baacke leitet er fünf Aufgabenfelder der Medienbildung ab, welche sich wiederum zu Handlungsfeldern sowie Inhalts- und Reflexionsfeldern zusammenfassen lassen (siehe untenstehende Abbildung). Zu den Handlungsfeldern gehören das „Auswählen und Nutzen von vorhandenen Medienangeboten unter Beachtung von Handlungsalternativen“ sowie das „Gestalten und Verbreiten von eigenen medialen Beiträgen“ (ebd., S. 49). Inhalts- und Reflexionsfelder wiederum sind das „Verstehen und Bewerten von Mediengestaltungen“, das „Erkennen und Aufarbeiten von Medieneinflüssen“ sowie das „Durchschauen und Beurteilen von Bedingungen der Medienproduktion und Medienverarbeitung“ (S. 50-51).

Die fünf Aufgabenfelder der Medienbildung nach Tulodziecki (2010). Eigene Darstellung.

Die fünf Aufgabenfelder der Medienbildung nach Tulodziecki (2010). Eigene Darstellung.

Im folgenden werden die fünf Aufgabenfelder der Medienbildung sowie deren Umsetzung im Schulunterricht kurz vorgestellt.

Auswählen und Nutzen von vorhandenen Medienangeboten unter Beachtung von Handlungsalternativen. Medien können für mehrere Zwecke genutzt werden:  Zur Information, zum Lernen, zur Unterhaltung, zum Spielen, zur Kommunikation und zur Kooperation. Die SchülerInnen sollten dazu in der Lage sein, je nach Zweck relevante Medieninhalte zu identifizieren und zu nutzen (vgl. Tulodziecki, 2010, S. 49). Um diese Kompetenz zu vermitteln schlägt Tulodziecki vor, zu Themen des Lehrplans medial Informationen zu suchen: „Steht in einer Schulklasse z.B. die Berufswahl bevor, können verschiedene Informationsquellen – von der Erkundung in Betrieben und Gesprächen mit Berufsberatern über Broschüren und Filme bis zur CD-ROM und zum Internet – herangezogen werden, um sich kundig zu machen“ (Tulodziecki, 2010, S. 49). Anschließend sollen die Vorteile, aber auch die Risiken und Begrenzungen der jeweiligen Informationsquellen diskutiert werden (ebd.).

Gestalten und Verbreiten von eigenen medialen Beiträgen. Tulodziecki (2010, S. 49-50) schlägt vor, dass die SchülerInnen selbst produktiv tätig sein sollen, um zu erlernen mit den Medien kreativ zu arbeiten. Diese Forderung dürfte ganz im Sinne von iPad-Lehrer André Spang sein, welcher in der Abschlussdiskussion seines Gastvortrags anmerkte, dass den meisten Jugendlichen diese Kompetenz fehle. Die Möglichkeiten, mit mobilen Endgeräten schöpferisch tätig zu sein sind – dank der riesigen Anzahl an unterschiedlichen Apps – beinahe grenzenlos. Die Schüler können Musikstücke produzieren, Filme drehen, Comics erstellen, eBooks verlegen, Wikis anlegen usw. Diese Tätigkeiten lassen sich auch sehr einfach im Projektarbeiten zu bestimmten Themen einbinden. Auch hier ist eine anschließende Diskussion der Ergebnisse sinnvoll (vgl. Tulodziecki, 2010, S. 49). Bei der Erstellung und insbesondere bei der Verbreitung der eigenen Medieninhalte sollte LehrerInnen und SchülerInnen mit der geltenden Gesetzeslage bezüglich der Urheberrechtes vertraut sein. Bei Urheberrechtsverletzungen oder ähnlichen Verstößen können unangenehme Folgen drohen. Aus diesem Grund lehnen viel LehrerInnen die Erstellung und Verbreitung von schülereigenen Medieninhalten ab. Mit dem rechtlichen Problembereich wird sich einer der noch folgenden Beiträge beschäftigen.

Verstehen und Bewerten von Mediengestaltungen. Ein gleicher Inhalt kann von verschiedenen Medien auf ganz unterschiedliche Art und Weise aufbereitet werden. Jedoch stößt jedes Medium bei der Gestaltung der Inhalte an Grenzen. Auch ist nicht immer jede Darstellungsform für einen Inhalt geeignet. Die SchülerInnen sollten darum die verschiedenen Gestaltungsarten (Radiomagazion, Youtube-Clibe, Website), -formen (z.B. Bericht oder Kommentar) und -techniken (z.B. Kameraeinstellung beim Film) sowie die Darstellungsformen (Grafik, Text, Audio, Video) von kennen und vor allem auch beurteilen können. Tulodziecki schlägt für die Umsetzung vor, die Darstellung eines Themas, besonders geeignet sind Großevents wie eine Weltmeisterschaft, in den verschiedenen Medien zu vergleichen und die Gestaltungsmittel zu analysieren sowie zu beurteilen (vgl. Tulodziecki, 2010, S. 50).

Erkennen und Aufarbeiten von Medieneinflüssen. Medieninhalte wirken auf unsere Gefühle, unsere Vorstellungen von der Realität, unser Handeln, unsere Wertvorstellungen und unser Sozialverhalten. Damit haben Medien nicht nur Einfluss auf den Einzelnen, sondern auch auf die Gesellschaft. Diese Erkenntnis ist Kommunikationswissenschaftlern nicht neu, der kompletter Wissenschaftszweig der Rezipientenforschung beschäftigt sich mit dem Thema Medienwirkungen. Dass Medien ihre Leben maßgeblich beeinflussen sollte jedoch auch den Jugendlichen deutlich klar gemacht werden. Als einfache Übung schlägt Tulodziecki daher vor, der Schulklasse Begriffe wie Polizei oder Ozonloch vorzugeben und die verschiedenen Assoziationen festzuhalten. Im Anschluss soll anhand des so entstehenden Stereotyps diskutiert werden, wie diese Vorstellungen zustande kommen und ob sie tatsächlich der Realität entsprechen (vgl. Tulodziecki, 2010, S. 50).

Durchschauen und Beurteilen von Bedingungen der Medienproduktion und Medienverarbeitung. Medien arbeiten nach ihrer eigenen Logik. Warum ein Journalist eine Ereignis als Nachricht auswählt, ein anderes jedoch nicht, liegt an den etablierten Auswahlkriterien des Mediums. Jugendliche sollten mit diesen ökonomisch/rechtlich/personell/ institutionell/politisch/gesellschaftlich/historisch bedingten Auswahlkriterien bekannt sein, um die Medieninhalte und Einflüsse besser beurteilen zu können.  Als beispielhaftes Unterrichteszenario schlägt Tulodziecki vor, die Klasse in unterschiedliche Gruppen einzuteilen, welche die Redaktionen unterschiedlicher Medien (TV/Radio/Zeitung, Boulevard oder Nachrichtenjournal) nachstellen. Die Gruppen sollen Nachrichten für ihr Medium auswählen. Anschließend wird diskutiert, warum sich die Redaktionen für die jeweiligen Nachrichten entschieden haben (vgl. Tulodziecki, 2010, S. 51).

Doch ist das Konzept auch PRAXISTAUGLICH?

Zunächst gibt Tulodzieckis Konzept klare Vorgaben, aus welchen Aspekten Medienkompetenz besteht und wie diese innerhalb des Schulunterrichts vermittelt werden können. Durch die Einteilung der fünf Aufgabenbereiche der Medienbildung ist es LehrerInnen leicht möglich, sich weitere Unterrichtsszenarien auszudenken. Dem Konzept kann damit eine Praxistauglichkeit bescheinigt werden.

Jedoch lässt es die LehrerInnen in einem Punkt etwas alleine: Nämlich bezüglich der medienpädagogischen Kompetenz. Gute MedienpädagogikerInnen müssen nicht nur absolute Medienkompetenz besitzen, sie müssen auch wissen welche Aufgabentypen für welches Alter geeignet sind und welche die SchülerInnen überfordern. Eine erste Hilfestellung seitens Tulodzieckis sind die Empfehlungen für die einzelnen Jahrgangsstufen, welche er aufgrund der Bedürfnis- und Motivtheorien, den Ansätzen der kognitiven Komplexität und den Theorien zum sozial-moralischen Urteilsniveau entwickelt hat (Tudolziecki, 2010, S. 54). Gute Medienpädagigoker müssen wissen, welches Medium für welchen Aufgabentyp geeignet und wann der Einsatz eines Gerätes unsinnig ist.

Zudem sind von mobilen Endgeräten ausgehende soziale Bedrohungen wie Cybermobbing und deren Bekämpfung nur schwer in Tulodzieckis Konzept zu integrieren – im Gegensatz zu den Problematiken des rechtlichen Bereichs. Dennoch bietet der Ansatz den LehrerInnen eine gute Basis.

Dennoch wäre es wünschenswert, dass medienpädagogische Kompetenz bereits verpflichtend in der Lehrerausbildung vermittelt werden würde. Dies ist leider noch nicht der Fall. Dennoch gibt es für medienbegeisterte LehrerInnen zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten im medienpädagogischen Bereich. Ein Beispiel hierfür ist die Fortbildungsinitiative der Intel Education Group (Ganz & Reinmann, 2007, S.169). Auf diese Weiterbildungsmöglichkeit wurde ich durch das ePortfolio meiner Kommilitonin aufmerksam, welche der Initiative bereits einen kompletten Beitrag widmete. Aus diesem Grund belasse ich es hier bei einer Erwähnung und verlinke weiter zum vollständigen Beitrag.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass ausreichend gute Lösungsansätze für den theoretischen Problembereich vorhanden sind. In den folgenden Beiträgen werden Lösungsansätze für die drei verbleibenden Problembereiche gesucht.

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