Zwischenfazit

Handys, Tabletts und andere mobile Endgeräte sind im Alltag der Jugendlichen längst integriert (vgl. MPFS, 2013a; 2013b; 2013c; 2013d). Für vielen Schulen sind die Geräte nichts anderes als Störenfriede und Ursachen sozialer Probleme. Die Folge: generelles Handy-Verbot auf dem Schulgelände. Dabei spielt sich der Grabenkampf um die mobilen Endgeräte nicht mehr nur auf den unterrichtspragmatischen und kulturpessimistischen Ebenen ab.

Seit einigen Jahren propagieren junge LehrerInnen und Pädagogen, wie beispielsweise André Spang, den Einsatz der mobilen Endgeräte im Unterricht und zählen die Möglichkeiten auf, die Technologie im im Schulalltag sinnvoll einzusetzen:  Informationen können recherchiert, Orte auf Google Maps nachgesehen, Lernvideos heruntergeladen, Dateien ausgetauscht, Texte geteilt, Powerpoint-Präsentationen erstellt, Aufgabenblätter und To-Do-Listen in der Cloud gemeinsam bearbeitet werden (vgl. Spang & Larbig, 2011). Mobiles Lernen, also selbstbestimmtes Lernen, welches technisch unterstützt von Zeit und Raum unabhängig ist, ist der neue Bildungs-Trend.

Unterstützung bekommen die Technologie-Euphoriker aus der konstruktivistischen Pädagogik (u. a. Stiller, o. Jg.;  Reusser, 2006; Gestenmauer & Mandel, 1995). Hier ist nicht mehr das Ziel, alle SchülerInnen auf den gleichen Bildungsstand zu trimmen. Vielmehr sollen die Jugendlichen selbstständig und eigenverantwortlich lernen, während die LehrerInnen nur noch eine moderierende bzw. fördernde Rolle einnehmen. Bei diesem Ansatz stehen Gruppenarbeiten und Projekte im Vordergrund. Hierbei können Handy und Co besonders sinnvoll eingesetzt werden, da sie viele Programme bzw. Apps anbieten, mit welchen kleinere, vor allem kreative Projekte erstellt werden können (vgl. Rösch & Albers-Heinemann, 2014). Auch der Austausch und die Vernetzung von Informationen fällt mithilfe der internetfähigen Hardware besonders leicht. Mobiles Lernen wir hier also einer Lernkultur im konstruktivistischen Sinne untergeordnet. Selbstverständlich lassen sich Handy und Co. auch im klassischen Schulunterricht einsetzen. Hier können sie jedoch nicht ihr volles Potenzial entfalten. Wahrscheinlicher ist hier, dass sich die Geräte sich tatsächlich als die Störenfriede erweisen, als die sie vom Großteil der Lehrenden gesehen werden.

Trotz der vielen Vorteile sind mobile Endgeräte längst nicht im Schulalltag angekommen. Das erste Ziel des Blogs war es, herauszufinden, warum sich viele Schulen gegen den Einsatz der Technologie sträuben. Nach Stöbern in der wissenschaftlichen Literatur (Seipold, 2013), in Medienberichten (Kleemann, 2013; Straush, 2013; Trauthig & Eberhardt, 2014), in Leserkommentaren von Lehrern (ebd.) sowie nach einem Gastvortrag von iPad-Lehrer André Spant konnten vier Problembereich identifiziert werden:

  1. Sozialer Problembereich (z.B. Gefahr für das Soziale Miteinander, Cyber-Mobbing, in Anlehnung an Seipold, 2013, S. 35)
  2. Rechtlicher Problembereich (z.B. Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Urheberrecht, Verbot der Nutzung von sozialen Medien in der Schule – in Anlehnung an Seipold, 2013, S. 35)
  3. Theoretischer Problembereich (Kompetenzen für mobiles Lehren und Lernen)
  4. Praktischer Problembereich (z.B. Störungen des Unterrichts durch Handyklingeln, Umsetzung von Mobile Learning)

Hier sei angemerkt, dass es sich bei dieser Kategorisierung nur um eine erste deskriptive Systematisierung der Problematiken handelt. Überschneidungen können ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. So ist beispielsweise der im zweiten Beitrag geschilderte Fall der Verbreitung von Nacktfotos als Cyber-Mobbing dem sozialen Problembereich, und als Verletzung des Rechts am eigenen Bild der rechtliche Problembereich zuzuordnen. Trotzdem können die Kategorien dabei helfen, meine weiteren Beiträge zu strukturieren.

Vier Problembereiche beim Einsatz von mobilen Endgeräten im Unterricht. Überschneidungen zwischen den einzelnen Bereichen sind möglich.

Vier Problembereiche beim Einsatz von mobilen Endgeräten im Unterricht. Überschneidungen zwischen den einzelnen Bereichen sind möglich (eigene Darstellung).

Zunächst jedoch stellte sich angesichts der angehäuften Probleme die Frage, ob der Aufwand überhaupt notwendig ist. Brauchen wir überhaupt eine neue Lernkultur, die auf Eigenverantwortlichkeit, Mobilität und Kreativität aufbaut? Bringt der Einsatz von mobilen Endgeräte überhaupt Vorteile mit sich? Nachdem ich das Interview von Herrn Spang gegenüber herrlarbig.de (Spang & Larbig, 2011) und die Online-Broschüre des Blogs „Schule im Aufbruch“ (Hüter, Rasfeld & Breidenbach, 2012) gelesen hatte, konnte ich diese Frage mit einem „Ja“ beantworten.

Darum können nun die nächsten Schritte angegangen werden. Am Anfang des Blogs stellte ich mir die folgenden Fragen:

  1. Wie stehen die Lehrer zu Handys und Co. im Schulalltag?
  2. Welche Risiken sehen die Lehrer darin, Mobile Endgeräte in ihrem Unterricht ausdrücklich zuzulassen?
  3. Wie kann die neue Lernkultur sowohl Schülern, als auch Lehrern nähergebracht werden?

Die beiden ersten Fragen konnte ich nun beantworten, die dritte Frage steht noch aus. Mittlerweile habe ich vier verschiedene Problembereiche in Hinblick auf den Einsatz der mobilen Endgeräte identifiziert. Die Problembereiche sind jedoch nur sehr oberflächlich mit Einzelbeispielen beschrieben. Aus diesem Grunde möchte ich in den folgenden Beiträgen auf jeweils einen der vier Problembereiche näher eingehen, indem ich ihn konkreter beschreibe und erste mögliche Lösungsvorschläge entwerfe. Die dritte Frage wird damit wiefolgt umformuliert:

3a. Welche Lösungsansätze gibt es für die einzelnen Problembereiche und
3b. wie können diese im Schulalltag konkret umgesetzt werden?

 

 

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Never change a running system!? – Brauchen wir eine neue Lernkultur?

Baden-Württemberg gilt in vielen Bereichen als „Musterländle“ – auch bei der Bildung liegen die Schwaben auf Deutschlands Spitzenpositionen. Umso mehr verwunderte die angestrebten Bildungsreformen der grün-roten Landesregierung im vergangenen Jahr: Die baden-württembergische Regierung um Ministerpräsident Kretschmann will eine neue Lernkultur im „Ländle“ etablieren. Kein Frontalunterricht mehr, die strikte Einteilung von Haupt- und Realschule und Gymnasium wird aufgeweicht. Die Klassen werden heterogener. An die Stelle des klassischen Schulunterrichts tritt selbstständiges – oder im Beamtensprech: „selbstorganisiertes“ – Arbeiten der SchülerInnen in Gruppen. LehrerInnen werden zu „LernbegleiterInnen“, welche die SchülerInnen coachen.

Beitrag 4a

Das (Medien-)Echo auf den Reformvorschlag war vor allem eines: Empörung. BaWü gehört zu Deutschlands Spitzenreitern im Bildungsbereich. Etwas zu ändern, das bereits seit Jahrzehnten sehr gut funktioniert, traf bestenfalls auf Unverständnis. NEVER CHANCE A RUNNING SYSTEM. Studien wurden hervorgezogen, die dem klassischen Frontalunterricht eine höhere Effektivität attestierten. Die FAZ argwöhnte gar, dass sich hinter der „neuen Lernkultur“ eigentlich nur Kürzungsmaßnahmen beim Bildungsetat verstecken:

„Die gemeinsame Beschulung äußerst heterogener Gruppen braucht aber entweder viele gut ausgebildete Lehrer in kleinen Klassen oder die Etablierung des „selbstorganisierten Lernens“, der neuen Zauberformel für „individuelle Förderung“. Nachdem Ministerpräsident Kretschmann 2012 den Abbau von 11 600 Lehrerstellen angekündigt hatte, könnte die gepriesene „Neue Lernkultur“ als schlichte Rationalisierungsmaßnahme verstanden werden“ (Burchardt, 2013).

Dennoch stehen Kretschmann und Co. mit ihren Vorstellungen der neuen Schule nicht alleine da. Auch Thüringen startete mit dem NELECOM-Modell Pilotprojekte, die auf eine ähnliche Lernkultur abzielen.

Die neue Lernkultur

Kern der „neuen Lernkultur“ ist der konstruktivistische Ansatz, welche bereits im ersten Beitrag kurz vorgestellt wurde. Im Konstruktivismus (z. B. Reusser, 2006; Gestenmauer & Mandel, 1995) sollen SchülerInnen individuell nach ihren Fähigkeiten und Wissensstand gefördert werden. Dabei sollen ebenfalls Fähigkeiten wie Kreativität, Eigenständigkeit und Teamfähigkeit ausgebildet werden. Das einseitige Lehrer-Schüler-Verhältnis wird dabei etwas aufgelöst. Die LehrerInnen sind hier weniger lineare Wissensvermittler, sondern Lern-Coaches. Als solche geben sie bei Bedarf Hilfestellungen und Feedback, ansonsten lassen sie den SchülerInnen viel Gestaltungsraum (vgl. Stiller in Landesprogramm Bildung und Gesundheit NRW, o. JG.).

Beitrag 4b

Lernen mit mobilen Endgeräten als selbstbestimmtes Lernen, welches technisch unterstützt von Zeit und Raum unabhängig istwird in diesem Blog nur im Kontext des Konstruktivismus als sinnvoll erachtet. Im klassischen Unterricht lassen sich die mobilen Endgeräte kaum produktiv einsetzen. Als Ersatz für Bleistift und Papier sind sie ungeeignet, da sie zu viel Ablenkungspotenziale mit sich bringen. Außerdem würde der normale Frontalunterricht nicht den vielen Bereichungsmöglichkeiten gerecht, die mobile Endgeräte dem Unterricht bieten.

Dieses konstruktivistische Modell wurde jedoch bereits mehrfach kritisiert. So sollen vom diesem Lernansatz hauptsächlich Schülerinnen profitieren, die bereits gute Leistungen erbringen. Schwächere Schüler würden noch mehr zurückfallen. Andererseits bietet diese neue Lernkultur eine Vielzahl von Vorteilen und Chancen, welche teilweise in der Broschüre des Blogs „Schule im Aufbruch“ (Hüter, Rasfeld & Breidenbach, 2012) aufgeführt werden. iPad-Lehrer André Spang, welchen ich im letzten Beitrag kurz vorstellen durfte, zählte im Interview mit herrlarbig.de (Spang & Larbig, 2011) viele Gründe für den Einsatz von mobilen Endgeräten im Schulunterricht auf.

Zusammengefasst lassen sich folgende Argumente für ein konstruktivistisches Schulmodell und damit den Einsatz mobiler Endgeräten bei der Lehre finden:

  1. Eine veränderte Gesellschaft braucht eine neue Lernkultur: Der Blog „Schule im Aufbruch“ sieht das klassische Schulsystem als Produkt der Industrialisierung. Im 19. Jahrhundert entsprachen Massen- und Allgemeinbildung dem Zeitgeist. Doch die Zeiten der geraden Berufswege sind vorbei, es gibt keine Musterpläne mehr. Die Gesellschaft ist stärker individualisiert. Und entsprechend muss auch die Schulbildung individuell auf die einzelnen SchülerInnen angepasst werden.
  2. Teamworker sind gefragt. Projektarbeiten sind näher am späteren Uni- und Arbeitsalltag als jede andere Unterrichtsform. Es kann nur von Vorteil sein, sich früh entsprechende Kompetenzen wie (Selbst-)Organisation, Kreativität, Teamfähigkeit und Eigenständigkeit anzueignen.
  3. Globales Lernen. Vernetzung wird in einer globalisierten Welt immer wichtiger. Online lassen sich internationale Gemeinschaftsprojekte realisieren, beispielsweise mithilfe von Wikis.
  4. Jugendliche brauchen Medienkompetenz. Wie gestalte ich eine PowerPoint? Wie lege ich ein Wiki an? Wie sieht ein gutes Layout aus? Wie kann ich ein Bild bearbeiten? Wie produziere ich einen qualitativ hochwertigen Beitrag? Viele dieser Kompetenzen werden später von Universitäten und Arbeitsumfeld vorausgesetzt. Darum ist es für Schüler wichtig, sich diese Fähigkeiten möglichst früh anzueignen. Doch nicht nur im produktiven Bereich ist Meidenkompetenz wichtig: Quellenkritik (Stimmt das, was da steht? Wer hat das gesagt?), Grundlagen zu Urheber- und Persönlichkeitsrechten sowie Gefahren und Risken sozialer Medien (Stichwort: Cyber-Mobbing) sollten in einer mediatisierten Welt allen Jugendlichen geläufig sein.
  5. Mobile Endgeräte sind ein Mittel gegen Langeweile im Schulalltag. Handy und Co. können den Unterricht abwechslungsreicher gestalten und so SchülerInnen motivieren, sich intensiver mit einem Themenfeld zu beschäftigen.

Nieder mit dem Frontalunterricht?

Trotz aller Vorteile und Chancen, die mobile Endgeräte und selbstgesteuertes Lernen mit sich bringen: Es ist nicht sinnvoll, das gesamte Schulsystem komplett auf den Kopf zu stellen. Eine Lernkultur, in welcher sich jeder ausschließlich selbstgesteuert und eigenverantwortlich Wissen aneignet, wird genauso wenig erfolgreich sein, wie der reine Frontalunterricht. Hier ist ein Mittelweg zu finden. Festzuhalten bleibt dennoch, dass – erstens – der Einsatz von mobilen Endgeräten viele Vorteile mit sich bringt und – zweitens – in Hinblick auf die Medienkompetenz der SchülerInnen geradezu notwendig erscheint. Ein generelles Handyverbot an Schulen ist jedoch Schwachsinn. Hier werden zu viele Chancen, den Unterricht zu bereichern, ignoriert. zudem hat die Schule einen Bildungsauftrag, der unter anderem beinhalten, die SchülerInnen in die Gesellschaft zu integrieren. Wer in einer mediatisierten Welt Handys und Co. außen vor lässt, verletzt überspitzt gesagt diesen Auftrag.

Und zuletzt: Wo sollen Jugendliche lernen, vernünftig mit den Geräten umzugehen, wenn nicht in der Schule?

Einschub: Mobiles Lehren und Lernen lernen

Bevor ich auf die Notwendigkeit einer neuen Lernkultur eingehen werden, möchte ich mein bisheriges Portfolio um einen Problembereich des mobilen Lehrens ergänzen.

In unserer letzten Seminarsitzung referierte der iPad-Lehrer André Spang über Lehren mit Mobilen Endgeräten. Herr Spang ist Koordinator des iPad-Projektes an einem Kölner Gymnasium. In der Abschlussdiskussion erwähnte er einen interessanten Aspekt und Problembereich beim Lehren und Lernen mit mobilen Endgeräten, welchen ich bislang in meinem Portfolio ignoriert hatte:

Herr Spang erwähnte, dass seine SchülerInnen ihre mobilen Endgeräte hauptsächlich passiv konsumieren und weniger damit kreativ arbeiteten. Im Unterricht würden die Jugendlichen Projekte mithilfe der iPads umsetzen: Filme drehen, Musik komponieren und aufnehmen, eBooks und Wiki-Einträge erstellen usw. Hierfür fehlt jedoch den meisten Jugendlichen die Kompetenz. Die müssten sie sich erst aneignen – in der Schule!

Das Argument vieler Kritiker, dass Jugendliche die mobilen Endgeräte viel besser beherrschten als die Lehrenden selbst, trifft demnach nicht immer zu. Jedoch muss berücksichtigt werden, dass auch LehrerInnen erst herausfinden müssen, was mobile Endgeräte alles können und wie sich damit der Unterricht gestalten lässt.

Neue Probleme

Ich möchte damit einen vierten Problembereich einführen: den theoretischen Problembereich. Dieser zielt hauptsächlich auf die Kompetenzen der Lehrer ab, mobil zu lehren. Jedoch soll hierbei auch eine weitere Problematik berücksichtig werden:  SchülerInnen müssen ebenfalls lernen, mit mobilen Endgeräten zu arbeiten – und zwar PRODUKTIV!

Wie kann ich iPad, Handy und Co. im Unterricht einsetzen? Wie bringe ich den Schülern das kreative arbeiten am Gerät bei? Diese Kompetenzen sind quasi Voraussetzung für Projekte wie diese von André Spang. Sie werden damit in der Nummerierung vor dem praktischen Problembereich aufgeführt.

Insgesamt wurden folgende Problembereiche beim mobilen Lehren identifiziert:

  1. Sozialer Problembereich (z.B. Gefahr für das Soziale Miteinander, Cyber-Mobbing, in Anlehnung an Seipold, 2013, S. 35)
  2. Rechtlicher Problembereich (z.B. Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Urheberrecht, Verbot der Nutzung von sozialen Medien in der Schule – in Anlehnung an Seipold, 2013, S. 35)
  3. – NEU – Theoretischer Problembereich (Kompetenzen für mobiles Lehren und Lernen)
  4. Praktischer Problembereich (z.B. Störungen des Unterrichts durch Handyklingeln, Umsetzung von Mobile Learning)

Geklingel, Display-Starren, Nacktfotos: „Soll das der Lernort Schule sein?“

Der Einsatz von Handy, Tablets und Konsorten im Schulunterricht klingt doch eigentlich super: Jeder Schüler lernt so schnell und so viel, wie er kann und erledigt seine Aufgaben selbstständig und eigenverantwortlich. Der Lehrer ist nicht mehr der Pauker, sondern ein Moderator. Gruppenarbeiten oder alleine, Videoeinsatz, Rallys, Präsenationen – mit mobilen Endgeräten lässt sich der Unterricht vielfältiger gestälten. Und nebenbei eigenen sich die Schüler Medienkompetenz und damit ein Bewusstsein für den verantwortungsvollen Umgang mit Mobilen Endgeräten an.


Quelle: Youtube-Kanal von RTL2News

Doch das Arbeiten mit mobilen Endgeräten und damit eine konstruktivistische Lerntheorie werden nicht überall euphorisch begrüßt, sondern – gerade von LehrerInnen – durchaus kritisch gesehen. Auch in den Medien werden die im vorigen Beitrag erwähnten Handyverbote an Schulen kontrovers diskutiert. Als Beispiele seinen hier die Kommentare von Trauthig und Eberhardt (2014, Stuttgarter Zeitung Online) sowie die Berichte von Klesmann (2012, Berliner Zeitung Online) und Straush (2013, Sueddeutsche.de) erwähnt.

In den Leserkommentaren der jeweiligen Artikel verteidigen User, offensichtlich Lehrer, die Handyverbote. Hier wird in der Hauptsache kulturpessismistisch argumentiert: Das Handy als Zerstörer vom sozialen Miteinander.

„Nur den LehrerInnen ist es immer negativer aufgefallen, dass die SchülerInnen immer weniger miteinander, also den realen Personen vor Ort, kommunizieren, in den Gängen rumhängen und auf Displays schauen. Deshalb haben wir uns in der Pflicht gesehen, hier eine pädagogische Entscheidung zu treffen. . . . Wir haben hier entschieden, dass die freie Verfügbarkeit eines Handys die pädagogische Arbeit an unserer Schule gestört. Dieses Problem haben wir nun seit mehreren Jahren gelöst und können uns daher mehr auf andere Bereiche konzentrieren.“ (Kommentator 1 zit. nach Trauthig & Eberhardt, 2014)

„Und wärend [sic!] den Pausen hingen dutzende Schüler am Display und noch mehr hörten über Kopfhörer Musik. Soll das der Lernort Schule sein? Ein Ort ohne persönlicher Kommunkation [sic!], womöglich noch mit geringem Bewegungsanteil? Wir haben uns dagegen entschieden“ (Kommentator 2 zit. nach Trauthig & Eberhardt, 2014).

Allerdings werden auch Unterrichtspraktische Argumente aufgeführt:

„Seit dem Handyverbot auf unserem Schulgelände gibt es eigentlich keine Unterrichtsstörungen durch irgendein Klingeln, davor schon“ (Kommentator 2 zit. nach Trauthig & Eberhardt, 2014).

Oftmals wird ein Handyverbot nach einem Skandal eingeführt, der mit mobilen Endgeräten in irgendeiner Form zu tun hatte. An meinem Gymnasium wurde das Verbot eingeführt, nachdem Nacktfotos einer Schülerin kursierten, die sie ihrem Ex-Freund geschickt hatte. Am einem Berliner Gymnasium durften Mobiltelefone nicht mehr genutzt werden, nachdem sich ein Schüler dabei filmen ließ, wie er mit heruntergelassener Hose den Schulgang entlangflitzte. Die Aufnahmen landeten danach – ohne die Erlaubnis des Flitzers – im Netz (vgl. Klesmann, 2012). Doch auch die Lehrer selbst sind nicht sicher vor Handystreichen:

„Einmal ist auch ein Lehrer im Unterricht mit einem Smartphone heimlich gefilmt worden, während sich die Schüler offenbar absichtlich daneben benahmen“ (Klesmann, 2012).

Landen die Aufnahmen im Netz, ist der Ruf der Betroffenen meist ruiniert.

Der wissenschaftliche Diskurs

Doch auch in der Wissenschaft wird der Einsatz von Mobiltechnologien im Unterricht mit Skepsis betrachtet. Seipold (2013, S. 35) identifiziert hier zwei Argumentationslinien: Die kritisch-reflexive Argumentationslinie und die ethisch ausgerichtete Argumentationslinie.

Vertreter der kritisch-reflexiven Argumentationslinie lehnen eine allzu euphorische Haltung gegenüber mobilen Endgeräten ab. Zunächst strikt gegen den Einsatz von Mobiltechnologien im Schulalltag, entwickelten sich aus dem kritisch-reflexiven Forschungsumfeld Arbeitsgruppen heraus, welche vor allem medienpädagogische Aufklärungsangebote in Hinblick auf den Jugendmedienschutz zum Ziel haben. Die Kritisch-Reflexiven sind dabei keine strikten Handy-Gegner, vom schulischen Einsatz mobiler Endgeräte im großen Stil raten sie jedoch ab: „Sie favorisieren die Praxis der verantwortungsvollen Ermöglichung und tragen zu einer regulierten Akzeptanz mobiler Technologien in schulischen Kontexten und im Alltag bei“ (Seipold, 2013, S. 35).

Etwas näher an den Problemen der Lehrer sind die Vertreter der ethisch ausgerichteten Argumentationslinie. Hier stehen der Schutz der Persönlichkeitsrechte, aber auch „rechtliche Fragen zum Eigentum an Bild, Ton, Lernmaterialien etc.“ (Seipold, 2013, S. 35) im Mittelpunkt. Diese Argumentationslinie findet ihre Ursprüngen in dem oben beschriebenen Fehlverhalten der Schüler im Umgang mit mobilen Endgeräten: Schüler können die Konsequenzen eines Handystreichs und dessen virale Verbreitung nicht einschätzen. Darum scheinen die Schulen die Geräte lieber von vorneherein zu verbieten. Doch wo sollen Jugendliche denn Medienkompetenz erlernen, wenn nicht in der Schule!? Darum möchte die ethisch ausgerichtete Medienpädagogik praktikable Standards im Umgang mit Persönlichkeits- und Urheberrechten erarbeiten.

Die Einteilung der Skeptiker in zwei Argumentationslinien mag zwar für den wissenschaftlichen Diskurs ausreichend sein, es werden dabei jedoch nicht alle Zweifel der LehrerInnen in Hinblick auf den Einsatz von Handy und Co. im Unterricht berücksichtigt.

Die Ängste der LehrerInnen

Fasst man die Argumente der LehrerInnen und den wissenschaftlichen Diskurs zusammen, so lauern folgende Gefahren durch das Lernen mit mobilen Endgeräten:

1)    Störungen des Unterrichts (z. B. durch Klingeln, Nachrichtenschreiben etc.)
2)    Gefahr für das soziale Miteinander (z.B. wegen Displayfixierung)
3)    Verletzung von Persönlichkeitsrechten (durch Aufnahmen und deren virale Verbreitung)
4)    Cyber-Mobbing (z.B. durch Verbreitung von peinlichen Aufnahmen im Internet)
5)    Verletzung von Urheberrechten

Diese Gefahrenpotenziale lassen sich wiederum in die folgenden Problembereiche untergliedern:

  1. Sozialer Problembereich: z.B. Gefahr für das Soziale Miteinander, Cyber-Mobbing (in Anlehnung an Seipold, 2013, S. 35)
  2. Rechtlicher Problembereich: z.B. Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Urheberrecht (in Anlehnung an Seipold, 2013, S. 35)
  3. Praktischer Problembereich: z.B. Störungen des Unterrichts durch Handyklingeln (siehe Trauthig und Eberhardt, 2014), unzureichende Infrastruktur (zu wenige Computer wie bei Straush, 2013), Umsetzung von Mobile Learning

Ziel des Blogs soll sein, bereits vorhandene Lösungen für die einzelnen Problembereiche zusammenzutragen oder gegebenenfalls erste Lösungsansätze zu erarbeiten. Doch zuallererst stellt sich die Frage, die sich vermutlich viele der LehrerInnen stellen werden: Lohnt sich der Aufwand? Die bisherigen Unterrichtsmethoden funktionieren doch ebenfalls. Brauchen wir wirklich eine neue Lernkultur mit mobilen Endgeräten?