In ist, wer drin ist! – Mobiles Lernen als Herausforderung für Schulen

An den Universitäten sind Laptops und Tablets fest in den Lernalltag integriert: Skripte stehen online, Diskussionen werden in Foren geführt, Literatur wird geteilt. Mobile-Learning und E-Lerning sind an der Uni „in“. Dagegen wirkt die Haltung von Schulleitern und Lehrern geradezu verstaubt. An den meisten Schulen sind Mobile Endgeräte verboten. Vereinzelt finden sich Pilotprojekte für den Einsatz von Tablets und Handys im Schulunterricht. Die Mehrheit der Lehrer betrachtet Mobile Endgeräte als Lernmedien trotzdem mit Skepsis. Doch Mobile Endgeräte sind fest im jugendlichen Alltag integriert. Stimmen aus der Wissenschaft werden laut und fordern die Integration von Handy und Tablets im Unterricht. Das ist modern, das ist anders, das ist ein Trend. Angesichts der vielen Vorteile, welche Handy und Co. mit sich bringen, fragt man sich: Liebe Schule, wo liegt das Problem?

Die Einstellung vieler Lehrer gegenüber Mobilen Endgeräten wirkt "out".

Die Einstellung vieler Lehrer gegenüber Mobilen Endgeräten wirkt ziemlich „out“.

Störenfried Handy

Die ersten kommerziellen Handys kamen Mitte/Ende der 1990er auf. Anfangs nur zum Telefonieren und Simsen fähig, bauten Mobiltelefone im Laufe der 2000er schnell ihre Fähigkeiten aus: Spiele konnten gespielt, polyphone Klingeltöne heruntergeladen und Titel-Logos ausgewählt werden. Nach Einführung der Farbdisplays ließen Handy-Kameras und damit Foto- und Videofunktion nicht lange auf sich warten. Die Walkman-Handys von Sony integrierten schließlich einen MP3-Player – die Lieblingsmusik ließ sich somit auch vom Mobiltelefon abspielen. Für den Schulalltag bedeutete das: potenzielle Ablenkungen vom Lernstoff. Das Handy wurde in vielen Schulen als Störenfried des Unterrichts angesehen und daraufhin verbannt (Klesmann, 2012; Straush, 2013; Trauthig & Eberhardt, 2014).

Dann kam 2007. In diesem Jahr brachte die Firma Apple ihr iPhone auf den Markt. Das iPhone war nicht nur ein Mobiltelefon: Es war Telefon, PDA, Digitalkamera, MP3-Player, Spielekonsole und Navigationssystem in einem – ein Über-Handy, ein SMARTphone. Obwohl nicht das erste seiner Art, revolutionierte das iPhone die Mobile-Industrie: Playstation und Nintendo passten ihre tragbaren Kleinkonsolen den Fähigkeiten der Smartphones an, Ebook-Reader entwickelten sich zu Tablets weiter. Und der Trend setzt sich weiter fort: Handy und Co. werden mit jedem Monat leistungsfähiger.

Die Besonderheit der smarten Mobilen Endgeräte: Sie besitzen Internetzugang und verfügen über kleine Programme, sogenannte Apps, welche individuell heruntergeladen und installiert werden können. Darunter finden sich auch Lernapps.

Mithilfe Mobiler Endgeräte können nun Informationen recherchiert, Orte auf Google Maps nachgesehen, Lernvideos heruntergeladen, Dateien ausgetauscht, Texte geteilt, Powerpoint-Präsentationen erstellt, Aufgabenblätter und To-Do-Listen in der Cloud gemeinsam bearbeitet werden. Diese Liste ließe sich noch endlos weiterführen. Input können sich Lehrer auch vom Medienpädagogik Praxis-Blog holen. Im Kern zusammengefasst bedeutet dies: Handys und Co. sind nicht mehr nur als Störenfriede anzusehen. Im Gegenteil: Sie können den Unterricht bereichern. Ein Umstand, der das bisherige Handyverbot an Schulen in Frage stellt.

Gleichzeitig scheint ein Verbot Mobiler Endgeräte nicht mehr zeitgemäß. Laut der aktuellsten JIM-Studie besitzen fast alle Schüler – nämlich 99 Prozent – ein Handy. Dreiviertel der Schüler verfügen bereits über ein Smartphone (vgl. MFPS, 2013a, S. 51; 2013b; 2013c). Handy und Internet sind im jugendlichen Alltags etabliert und integriert (vgl. MPFS, 2013d). Mobile Endgeräte als feste Bestandteile der Jugendkultur vom Schulalltag auszuschließen, ist beinahe schon als realitätsfern bezeichnet (vgl. Seipold, 2013, S. 36; Trauthig & Eberhardt, 2014). Internet und Handy sind allgegenwärtig:

„Mit dem deutlichen Zuwachs beim Smartphone-Besitz geht auch eine größere Verbreitung des mobilen Zugangs zum Internet einher. Durch eine kostengünstige Flatrate haben mittlerweile drei Fünftel der Handy-Besitzer die Möglichkeit, das Internet vom Handy aus nahezu unbegrenzt zu nutzen“ (MPFS, 2013a, S. 52).

Die Frage lautet nun, warum Schulen diese Ressourcen für die Unterrichtsgestaltung nicht nutzen und Mobile Endgeräte weiterhin verbieten. Mobilem Lernen stehen viele mit Skepsis gegenüber (Seipold, 2013, S. 34-35). Wo liegen die Probleme der Schulen?

Problem 1: Keiner weiß so recht, was Mobile Learning ist. Das weiß nicht einmal die Wissenschaft selbst. Judith Seipold versucht in ihrem Aufsatz aus dem Jahr 2013 verschiedene Theorien, Ansätze und Konzepte bezüglich Mobile Learning zu systematisieren. Zu einer genauen Definition von Mobilem Lernen kommt sie dabei nicht. Konzepte, die sich nicht greifen lassen, sind jedoch für Alltagspraktiker (hier: die LehrerInnen) verwirrend. Genügt ein kurzer Ausflug in den Computerraum? Oder eine Mail vom Lehrer mit Youtube-Links zu Lernvideos? Lässt sich schon von Mobilem Lernen sprechen, wenn SchülerInnen Texte auf dem Tablet statt im Schulbuch lesen? Wissenschaftler und Lehrer sind sich hierbei unschlüssig. Aufgrund dieser Unschlüssigkeit können nur schwer konkrete Handlungsanweisungen für Mobiles Lernen im Schulalltag gegeben werden. Das ist aber genau das, was Lehrer benötigen.

Problem 2: Mobiles Lernen ist ein sehr junges Forschungsfeld (Seipold, 2013, S. 28). Es gibt bis auf wenige Pilotprojekte kaum Empirische Studien zu Handy- und Tabletnutzung im Unterricht. Keine Forschung, Keine Ergebnisse. Keine konkreten Ergebnisse bedeuten Skepsis, Zweifel und Abwehrhaltungen.

Problem 3: Mobile Endgeräte lassen sich nicht in die bisherigen Unterrichtsmodelle integrieren. Während des Frontalunterricht sind Handys eher störend. Jedoch nehmen die Erziehungswissenschaften mittlerweile Abstand von diesem behavioristischen Modell. Stimmen werden laut, dass Schüler individuell nach ihren Fähigkeiten und Wissensstand gefördert werden müssten. Diese Position ist hauptsächlich bei den Konstruktivisten, z.B. bei Reusser (2006) sowie bei Gestenmaier und Mandl (1995) zu finden. Genau diese Forderungen erfüllt Mobiles Lernen, wie es hier in diesem Blog verstanden wird:

Mobiles Lernen ist selbstbestimmtes Lernen, welches technisch unterstützt von Zeit und Raum unabhängig ist.

Das bedeutet, der Schüler kann selbst über Umfang, Ort und Zeitpunkt seines Lernens bestimmen und muss eigenständig Wege finden, um die gestellten Aufgaben zu lösen. Mobiles Lernen muss nach dieser Definition nicht zwingend mithilfe von Mobilen Endgeräten erfolgen. Doch erst Mobile Endgeräte bieten dem Schüler überall und jederzeit den unbegrenzten Zugang zu Informationen. Dieser unbegrenzte Zugang zwingt den Schüler, relevante Informationen herauszufiltern, neue Lösungswege zu erkunden und sein erlangtes Wissen zu systematisierten. Er zwingt den Schüler also zur Eigenverantwortlichkeit und damit zum selbstbestimmten Lernen (vgl. Gerstenmaier & Mandl, 1995; Reusser, 2006).

Lehrer haben beim Mobilen Lernen nur noch eine initiierende und unterstützende Rolle. Eine Rolle, welchen den Lehrern in ihrer bisherigen Ausbildung noch nicht vorgestellt wurde. Die Abkehr vom behavioristischen Modell und die Hinwendung zum konstruktivistischen Modell gehen daher nur zögerlich vonstatten und stellen Politik und Lehrerschaft vor neuen Herausforderungen. Zu Recht stellt sich die Frage: Brauchen wir diese neue Lernkultur?

Die Konstruktivisten und Medienpädagogiker sind sich in Hinblick auf die Frage einig: Ja. Als Argumente die Möglichkeit des personalisierten und individualisierten Unterrichts, die Nutzung von bereits vorhandenen Ressourcen und die Orientierung am jugendlichen Alltag (Seipold, 2013, S. 35-36) aufgezählt.

Doch wie stehen die Lehrer zu Handys und Co. im Schulalltag? Wie kann die neue Lernkultur sowohl Schülern, als auch Lehrern nähergebracht werden? Und welche Risiken sehen die Lehrer darin, Mobile Endgeräte in ihrem Unterricht ausdrücklich zuzulassen? Diesen Fragen wurde bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt.

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